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Was ist Positive Psychologie?

# Brigitte Thoma

 

 

 

Was sind die Grundlagen eines „guten Lebens“? Was macht das Leben lebenswert?

Was sind die begünstigenden Eigenschaften und Bedingungen für unser Wohlbefinden?

Wie können Menschen unterstützt werden auf ihrem Weg, den eigentlichen Weg zu finden?

All diese Fragen stehen im Zentrum der Wissenschaft der Positiven Psychologie.

 

Die Positive Psychologie ist die Wissenschaft vom gelingenden und erfüllten Leben

und die erste Disziplin, die sich wissenschaftlich mit der Frage beschäftigt, wie

psychisches Wohlbefinden und persönliche Entwicklung bei Menschen aufgebaut und

aufrechterhalten werden kann. Besondere Aufmerksamkeit hat die Fragestellung

nach dem Sinn und Zweck des eigenen Lebens.

 

Im weitesten Sinne befasst sich Positive Psychologie mit Persönlichkeitsentwicklung

für eine bestmögliche Entwicklung und Entfaltung von Menschen, als auch von

Organisationen und Gesellschaften.

Der Ansatz konzentriert sich dabei vor allem auf positive Aspekte wie Optimismus,

individuelle Stärken, Vertrauen und Glück. Das Wohlbefinden eines Menschen gilt es so

zu verändern, dass mehr Lebens- und Jobzufriedenheit empfunden wird.

 

Die Positive Psychologie hat das Ziel und das Potential, diese Faktoren zu entdecken und 

aufzubauen, um die Lebenszufriedenheit zu steigern und zu stabilisieren. Sie unterstützt

Menschen und Gemeinschaften aufzublühen „flourishing“ und nachhaltig

persönliches Wachstum zu erleben. Darüber hinaus untersucht sie die Wirkung positiver

Emotionen auf die menschliche Psyche, Physis sowie die Rolle entwicklungsfördernder

Faktoren wie Motivation, Achtsamkeit oder Sinn-Erleben.

 

Wie entstand die Positive Psychologie?

Im letzten Jahrhundert hat sich die akademische Psychologie über viele Jahrzehnte

hauptsächlich mit negativen Gefühlen, menschlichen Problemen, psychischen Störungen,

seelischen Krankheiten und deren Diagnose und Heilung beschäftigt. Was im Leben gut läuft,

wurde vernachlässigt. Erst in den letzten 30 Jahren ist das subjektive Wohlbefinden

zunehmend in den Mittelpunkt der psychologischen Forschung gerückt.

Positive Psychologie als empirische Wissenschaft begann offiziell mit der Amtsansprache

von Prof. Dr. Martin Seligmann, zum gewählten Präsidenten der Amerikanischen

Psychologen- Vereinigung (APA) im Jahr 1998. Statt weiterhin primär auf Defizite

und Krankheit zu blicken, sollten Psychologen sich darauf fokussieren, herauszufinden,

was das Leben lebenswert macht, und die Voraussetzungen für ein solches Leben zu schaffen.

 

„Die Positive Psychologie beschäftigt sich mit den Aspekten des Lebens,

die es aus psychologischer Sicht lebenswert machen”

Prof. Dr. Martin Seligmann

 

Prof. Dr. Martin Seligman entwickelte dafür als Basis das sogenannte PERMA-Modell.

Das aus fünf Buchstaben bestehende Akronym definiert fünf Faktoren, die Wohlbefinden

durch positives Erleben begünstigen können:

P – Positive Emotionen, wie Dankbarkeit, Wertschätzung, Enthusiasmus,

Liebe oder Hoffnung, ermöglichen ein bewusstes Empfinden von Lebenszufriedenheit

und haben eine resssourcenbildende Wirkung. Das regelmäßige Erleben positiver

Emotionen wie Dankbarkeit, Genuss oder Zuneigung ist ein essentieller Faktor für

das Wohlbefinden eines jeden Menschen.
E – Engagement umfasst das sinnvolle Einbringen persönlicher Kompetenzen,

dies kann einem Flow-Erleben führen, dem Gefühl eines Schaffensrausches.
R – Relationship (Positive Beziehungen) bezieht sich auf das menschliches Grundbedürfnis

der sozialen Anerkennung und Teil eines sozialen Netzwerks zu sein.

Ob Partnerschaft, funktionierende Familie oder tiefe Freundschaften – positive Beziehungen

sind eine der wichtigsten Zufriedenheitstreiber.

„Other people matter“. Prof. Chris Peterson
M – Meaning (Sinnhaftigkeit) meint Sinn und Nutzen des eigenen Tuns zu erleben,

sowie persönliche Ziele und Visionen entwickeln zu können.
A – Accomplishment (Leistungen und Ziele erreichen) bezieht sich darauf Ziele zu ereichen

und Freude an den eigenen Erfolgen zu empfinden.

 

Positive Psychologie ist nicht neu. Ursprünge der Positiven Psychologie lassen sich

weit zurückverfolgen bis zu den philosophischen Schriften antiker Philosophen,

die sich damals bereits mit dem guten Leben, Tugenden, Sinn und der Erfüllung im

Leben befasst haben. Aristoteles hat sich vor über 2300 Jahren schon mit dem

Studium des Glücks (Eudaimonie) auseinandergesetzt

„Glück ist die Bedeutung und der Sinn des Lebens, das Ziel der menschlichen Existenz.“
Aristoteles

 

Das Verständnis für das „gute Leben“ wurde auch durch Vertreter der humanistischen

Psychologie wie Carl Rogers, Abraham Maslow und dem Logotherapiebegründer

Viktor Frankl erweitert.

 

Das Forschungsgebiet der Positiven Psychologie ist so eine relativ junge Teildisziplin

der Psychologie und hat anhand wissenschaftlicher Methoden konkrete

Interventionen entwickelt und überprüft - und sich so eine evidenzbasierte

Grundlage geschaffen. Die Wirksamkeit ist von Forschergruppen empirisch belegt.

 

Die Forschung der letzten Jahre zeigt, dass die evidenzbasierten und wirksamen

Interventionen der Positiven Psychologie das Wohlbefinden von Menschen steigern

können, als auch auch Rückfälle in der Psychotherapie vermieden werden können.

In der Positiven Psychologie geht es nicht einfach um positives Denken,

auch nicht um das Leugnen von negativen Gefühlen und Aspekten des eigenen Lebens.

Es geht vielmehr darum, bisherige Erkenntnisse der Psychologie zu ergänzen,

und zwar um Aspekte, die sich auf positive menschliche Entwicklung beziehen.

 

Positive Psychologie führt dazu, sich seiner Stärken und Fähigkeiten bewusst zu

sein und so seines eigenen Glückes Schmied zu werden. Oder nach Martin Seligman:

„Glückliche Menschen haben genauso viel Pech wie andere, sie gehen

nur anders damit um“. Sie fragen beispielsweise nicht „Warum passiert mir das?“,

sondern „Wozu ist das gut?“.

 

In der positiven Psychologie geht es um Wohlbefinden und Glück, Glück ist

jedoch mehr als gute Laune. Glück können wir in zwei komplementäre Aspekte

fassen: Das Wohlfühl-Glück: „Hedonic Happiness“,  welches positive Emotionen

und das angenehme Leben umfasst. Dies genügt uns aber auf Dauer nicht.

Für eine wirkliche tiefe innere Zufriedenheit benötigen wir das sogenannte

Werte-Glück: „Eudaimonic Happiness“, bei dem es um Sinn, Erfüllung und

Engagement geht.

 

Die Wissenschaft der Positiven Psychologie liefert uns Antworten,

was uns gesund erhält, zufrieden. stark und widerstandsfähig macht. Sie liefert

uns wirkungsvolle Methoden, die in den Alltag integrierbar sind und wirken!

 

Positive Empfindungen, Glück und Zufriedenheit entstehen nicht automatisch,

sondern müssen aktiv gestaltet und erlangt werden. Ob ein Individuum sein

ganzes Potential realisieren wird, hängt grösstenteils von ihm selbst ab,

denn Zufriedenheit im Alltag ist beständige konsequente Arbeit an sich selbst.
Es ist möglich: Wir können selbst dafür sorgen, dass unser Glas immer voll ist

und wir zufrieden und freundlich durchs Leben gehen.